hier mal ein kleiner einschub für die mediziner unter den lesern. ich hätte jede menge zu erzählen, ich will aber niemanden langweilen und werde mich deshalb auf die interessantesten dinge beschränken... ;-)
zur zeit bin ich auf der inneren. eigentlich ist der "unterricht" ganz nett. wir dürfen überall mit hin und auch immer mit untersuchen und so weiter. allerdings ist das system in meinem lehrkrankenhaus sehr chaotisch und vor allen dingen unpraktisch. hier gibt es nämlich keine stationsärzte oder dergleichen, sondern jeder arzt hat sein zimmer irgendwo und bekommt patienten zugeteilt, die dann im ganzen haus verteilt liegen. deshalb rennt man bei der visite immer von station zu station und ist die hälfte der zeit mit sinnloser lauferei beschäftigt. sowas wie eine übergabe oder besprechungen gibt es hier auch nicht. es ist auch nicht so, dass alle patienten eines arztes in der nächsten schicht auch alle die patienten eines anderen arztes sind. das wird irgendwie wahllos zugeteilt. ich bin noch nicht so ganz dahintergestiegen, wer eigentlich entscheidet, welcher patient zu welchem arzt kommt, aber ich habe da so die notaufnahme im verdacht. noch so eine sache: hier läuft alles über die notaufnahme. der hausarzt überweist immer nur dorthin und von dort werden die patienten dann weiterverteilt. jegliche "kommunikation" läuft hier über den computer. das system ist eigentlich ziemlich gut, jeder kann von überall auf jeden patienten zugreifen und sich alles ansehen, was da ist. was ich allerdings davon halten soll, dass man deshalb überhaupt nicht mehr miteinander reden muss, weiß ich nicht so richtig. ich kann mir nicht vorstellen, dass da nichts verloren geht...
dann mal noch eine anmerkung zum umgang mit den patienten. wer in ärztlicher gesprächsführung eine niete war, kann einfach nach spanien kommen. hier wird mit den patienten nämlich so gut wie garnicht geredet. die umgangsformen sind etwas rauer, erklärungen sind sowieso überflüssung und die patienten sind auch vollkommen überfordert, wenn sie mal etwas alleine entscheiden sollen. ich denke, dass hier noch nicht angekommen ist, dass man ärzte auch verklagen kann. aufklärung gibts hier genauso wenig wie aufnahmebögen. das macht jeder so ein bisschen, wie er will. auf der inneren habe ich die letzten beiden wochen auch zum ersten mal erlebt, dass studenten eine anamnese machen müssen. grandios und irgendwie sehr amüsant. da wird halt mal so ein bisschen rumgefragt und die hälfte vergessen. systematik und ein geordneter ablauf der fragen - vollkommen überbewertet. untersuchung ist auch eher unangenehm; der arzt hat ja vorher in der visite schon gesagt, dass alles okay ist. heute bin ich wirklich fast verzweifelt, weil die patientin, ihre tochter und die medizinstudentin alle durcheinandergeredet haben, natürlich nicht wirklich zum thema und jeder von etwas anderem. und in einer unvorstellbaren lautstärke. ich bin mit meiner frage, ob denn irgendwelche allergien bekannt sind, bis zum ende einfach nicht durchgekommen. im nachhinein großartig, obwohl ich in dem moment zugegeben etwas genervt war. ;-)
und zum abschluss noch zwei ziemlich krasse fälle, die mir hier begegnet sind. der erste war vor drei wochen ein fall in atención primaria, was ungefähr so wie bei uns allgemeinmedizin ist. hier gibts ja so ähnlich wie in england ein hausarztsystem mit "centros de salud". jedenfalls tauchte da ein älterer mann auf, der schonmal wegen kolonkarzinom operiert war. in seiner akte stand, dass er damals allerdings nicht so richtig verstanden hatte, was eigentlich mit ihm los war. als er dann bei uns seinen pullover ausgezogen hatte, kam eine riesige (und ich meine riesig, vom durchmesser her bestimmt handballgroß) geschwulst am/im abdomen zum vorschein. deswegen kam er aber garnicht, sondern weil ihm immer so übel war und das mit dem stuhlgang auch nicht mehr so richtig ging. ob es da nicht eine tablette gäbe. da ist man sprachlos... den zweiten fall habe ich gestern gesehen. ein alte dame, die auch mit erbrechen, überkeit und verstopfung kam. die untersuchung war unauffällig, bis auf die palpation des abdomens. da war ein tumor im oberbauch zu tasten, der sich auch etwas verschieben ließ. hätte aber auch einfach nur gefüllter darm sein können. die frau ist gestern abend gestorben (hat beim abendessen gesagt "ich will nicht mehr", hat sich zurückgelehnt und das wars). bei der obduktion haben sie festgestellt, dass der "tumor" im oberbauch ein aortenaneurysma war, was dann rupturiert ist. ich hab mich beim auskultieren noch gewundert, dass man das herz bis soweit ins untere abdomen hört, aber es war nicht laut und sie war ziemlich schlank. im nachhinein ist man immer schlauer...
soviel zu meinen medizinischen erlebnissen hier. weit über die hälfte hab ich ja nun schon weg, aber ich bin gespannt, was noch so kommt. nächste woche: chirurgie. könnte interessant werden...
Donnerstag, 4. Dezember 2008
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